Zunehmend mehr Väter nehmen Elternzeit, und das deutlich über die „klassischen“ zwei ersten Monate hinaus. Die Vaterrolle ist im Wandel. Ob bewusst oder unbewusst beeinflusst Männer sowie Frauen dabei die Wahrnehmung ihrer eigenen Eltern und deren Erziehungsverhalten. Oft handeln Männer so, wie sie es durch ihre eigenen Väter erlebt hätten, selbst wenn sie eigentlich „alles anders machen wollten“. Die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und der Vaterrolle unterstützt auch der Männerberater Christoph Lyding. Sein Angebot umfasst neben der Beratungsarbeit auch Kurse für werdende Väter und die „Väterlotsenlausbildung“, in der erfahrene Väter junge Väter in ihrer neuen Rolle begleiten und unterstützen.

Viele verschiedene „Vatergeschichten“ kann ich in meinem nahen Umfeld finden, wenn ich mal näher darüber nachdenke.

Meinen eigenen Vater habe ich als Kind oft als abwesend erlebt. Es war eine klassische Rollenverteilung: er arbeitet in Vollzeit und bringt das Geld nach Hause, sie – eigentlich ebenfalls Ärztin – bleibt zuhause, steigt nach dem Studium gar nicht erst in den Beruf ein, und erzieht die vier gemeinsamen Kinder. Immer mittags nach der Schule hat mein Vater angerufen, um zu hören, ob es allen gut geht -  um sich aus der Entfernung zu kümmern, weiß ich heute. Auf sein „Wie war es in der Schule?“ habe ich nicht selten mit einem genervten „Wie immer!“ reagiert. Heute tut mir das leid. Ich denke, er hätte es vielleicht gern anders gemacht. Genauso meine Mutter, die sich mit dem Gefühl herumschlägt, zu viel aufgegeben und verpasst zu haben.

Teile dieser Geschichte wiederholen sich in meiner eigenen Biographie. Wieso kam es dazu, dass der Vater meiner Kinder nach und nach mehr Aufgaben und Verantwortung aus den Händen gab, obwohl er sich doch diese Kinder auch gewünscht hatte? Dass er morgens darauf verzichtete, seine Kinder beim Frühstück zu sehen, um eine halbe Stunde länger schlafen zu können? Dass er abends so spät nach Hause kam, dass er den Kindern gerade noch Gute Nacht sagen konnte, bevor er selbst erschöpft auf die Couch sank? Wieso ging er auf das Bitten seiner Frau, beruflich kürzer zu treten, nicht ein? Hielt es gar für undenkbar, seinen Chef nach so etwas zu fragen?

Dieser Vater, inzwischen geschieden, sieht seine Kinder nun fast nur noch am Wochenende und erlebt seine Vaterrolle neu. Er überlegt sich Unternehmungen mit den Kindern, kauft für sie ein, kocht mit ihnen gemeinsam und pflegt Kontakte zu Freunden, die selbst Kinder haben. Über die Schulprobleme seines Sohnes erfährt er durch Nachrichten seiner Ex-Frau. Er selbst war noch nie „zum Gespräch“ bei der Lehrerin. Manches ändert sich, manches nicht.

Vielleicht ein Extrembeispiel, aber auch selbst erlebt: ich kenne einen jungen Mann, der mehr als zehn Halbgeschwister über die ganze Welt verteilt hat, alle von einem Vater, der Kinder als seine „Altersvorsorge“ betrachtet und sich zwar über jedes Einzelne gefreut hat, aber die Care-Arbeit fast immer den jeweiligen Müttern allein überließ und weiterzog zur nächsten Frau. Manchmal ruft er  seinen Sohn an seinem Geburtstag an, manchmal vergisst er es. Immer wieder mal bittet er ihn um Geld oder Hilfe bei Behördenangelegenheiten und beklagt sich über die Geschwister, die sich von ihm abgewendet haben.

Dann gibt es da dieses Ehepaar, die sich die Kindererziehung „paritätisch teilen“, wie sie selbst sagen. Gebildete Menschen, sie Psychologin, er Sozialpädagoge, beide in Teilzeit beschäftigt  mit klaren Verantwortlichkeiten in Haushalt und Kinderbetreuung an festgelegten Tagen. Aber auch diese beiden, im nach meiner Vorstellung modernsten Modell gleichberechtigter Elternschaft, beklagen phasenweise Erschöpfung, Überforderung und das nicht-gesehen-werden.

Wohin man blickt, einfach ist es nicht. Die Mühen und Anstrengungen sind das Eine, das es zu verteilen gilt. Da sind aber auch die vielen, in ihrer Intensität fast nicht zu beschreibenden schönen Momente des Elternseins: Die Erfahrung, geliebt und gebraucht zu werden, Vorbild zu sein, etwas beibringen zu können, Trost und Geborgenheit zu spenden, etwas von sich selbst wiederzuentdecken, zusammen zu lachen, zu spielen, albern zu sein, in Fantasiewelten einzutauchen und Verbundenheit zu spüren.

Wenn der Wunsch nach all diesen Dingen bedeutender wird als die Angst davor, Freiheiten zu verlieren, sei ein Mann bereit dafür, Vater zu werden, so Väterberater Christoph Lyding. Die Vaterrolle des Mannes beginne schon in gemeinsamen Gesprächen über den Kinderwunsch. In der Schwangerschaft könne der Mann seine Partnerin unterstützen und auch schon Kontakt zu dem Kind im Bauch aufnehmen, z.B. in dem er mit ihm spricht oder vorsingt und es so an seine Stimme gewöhnt.

Nach der Geburt entscheide sich, welche Rolle der Vater einnimmt. „Väter können alles außer stillen!“ merkt Lyding an. Gerade in der ersten Zeit nach der Geburt könne sich der Vater um seine Partnerin und das Kind kümmern und eine intensive Beziehung zu seinem Kind aufbauen. Körperliche Nähe sei dabei besonders wichtig, um eine enge Bindung zu schaffen. Die Elternzeit des Vaters sollte daher so früh wie möglich beginnen und so lang wie möglich dauern. Wenn es sich um das erste gemeinsame Kind handelt, beginnt für das Paar eine völlig neue Zeit und das ganze Leben wandelt sich. Hier sollten sich Väter aktiv einbringen, viel Zeit mit dem Kind verbringen und den Wandel selbst mitgestalten. So könne auch verhindert werden, dass Männer sich „abgemeldet“ fühlen. Auch der Austausch mit anderen Vätern oder eine Beratung bei einem Väterberater könne bei der Entwicklung helfen.

Innerhalb der Partnerschaft bedürfe es Auseinandersetzung um die Rollen in der Familie. Väter können sich selbstbewusst ihre eigenen Wege zu ihrem Kind suchen und dürfen dabei auch einen eigenen Umgangsstil haben. Dies sei wichtig für die Entwicklung des Kindes, so Lyding.

Dafür brauche es auch Veränderung in der Arbeitswelt und mehr Teilzeitmodelle für Väter. Dies würde Müttern, Vätern und vor allem auch Kindern entgegenkommen.

Fast jedes Kind habe eine innere Sehnsucht nach Beziehung zu beiden Elternteilen. Das Fehlen eines Elternteils, aus welchen Gründen auch immer, stellt eine Verletzung dar. Darum sei es nie zu spät, sich um Nähe und Bindung zu bemühen und den ehrlichen Versuch zu unternehmen, Brüche aus der Vergangenheit zu heilen.

Die Familienbildungsstätte plant aktuell eine Fotoausstellung zum Thema “Väter und Kinder”, um die Vielfalt heutiger Vater-Kind-Beziehungen zu zeigen und Väter für sich selbst sprechen zu lassen. Wenn Sie Lust haben, sich als Vater dort zu präsentieren, melden Sie sich gerne bei uns! Telefon: 0561- 15367 oder Mail an fbs.kassel@ekkw.de

→ das vollständige Interview mit Christoph Lyding können Sie hier nachlesen: https://www.hna.de/lokales/witzenhausen/vaeter-koennen-alles-ausser-stillen-91146269.html

Und hier der Link zur Website von C. Lyding: www.mann-wird-vater.de

Vatertagsgedanken - Evangelische Familienbildungsstätte Kassel

Evangelische Familienbildungsstätte
Evangelisches Familienzentrum Wehlheiden

Katharina-von-Bora-Haus

Hupfeldstr. 21
34121 Kassel

Bürozeiten
Mo. – Fr. 09.00 bis 11.30 Uhr
Di. – Do. 14.00 bis 16.30 Uhr